Des Esels Brücke

Da stand er nun vor der Klasse: hochgewachsen und hager, mit viel zu früh schütter werdendem Haar und einem altmodischen Karohemd, das ihn unweigerlich als verschrobenen Vertreter der Naturwissenschaften auswies. Seine Ohren leuchteten wie eine rote Ampel in der Nacht und bald nahm auch sein Gesicht eine ähnliche Farbe an.
Seine Hände bewegten sich, tapfer eine nicht vorhandene Fülle andeutend, vor seiner dürren Brust auf und ab, während er mit verzweifelter Eindringlichkeit auf uns pubertierendes Jungvolk einsprach: „Stalagmiten wachsen von unten, Stalagtiten… titten… die hängen eben!“

Obwohl ich mir zuvor nie den Unterschied zwischen den von unten oder oben in Tropfsteinhöhlen ragenden Gebilden merken konnte, war er seither unlöschbar mit dem Bild jenes Lehrers verknüpft, der alles gab, um uns undankbarer Klasse seine Materie nahe zu bringen.

Was war passiert?

Das skurrile Bild hat sich mit Macht in mein löchriges Hirn eingebrannt, und mit ihm eben auch die damit verknüpften Inhalte.

Im Volksmund nennt man sowas eine Eselsbrücke. Damit ist ein Merksatz oder ein Merkbild gemeint, mit dem wir das, was wir uns neu merken wollen, mit etwas Bekanntem verknüpfen. Idealerweise erzeugt er ein lebendiges Bild von unserem inneren Auge, an dem wir uns orientieren können. Wie eben die Stalagtiten unseres dünnen Lehrers.

Wie können Sie das nutzen?
– Zu vielen Themen gibt es bereits zig Eselsbrücken. Auch für Ihre? Nutzen Sie sie!
Beispielsweise gibt der Satz „Mein bester Freund Anton kann einen heben“ ausgehend vom nicht extra erwähnten Punkt C im Uhrzeigersinn alle Punkte der Reitbahn an.
– Erstellen Sie Sich Ihre eigenen Brücken. Wählen Sie dazu Bilder aus Ihrer Welt aus und erzeugen Sie am besten sogar eine Geschichte. Beispielsweise habe ich mir alle Ziffern in eine Bildersammlung aus der Hundewelt übersetzt. Die 1 etwa wird durch ein Stöckchen symbolisiert, die 4 steht für vier Pfoten, also den Hund, und die 9 sieht fast aus wie eine dieser sich selbst einrollenden Flexileinen, oder? Müsste ich mir nun die Ziffernfolge 12490 merken, so würde ich dafür folgende Geschichte entwickeln: Ich stehe auf unserer Lieblingswiese (die ich mir, um es plastisch zu machen, auch wirklich gut vorstelle!) und hebe einen Stock (=1) auf. Weit hole ich aus und werfe ihn mit Schwung quer über die freie Fläche – und schon ist es passiert! Unvermittelt ist ein Mensch (=Zweibeiner=2) aufgetaucht, den ich tüchtig am Kopf getroffen habe. Die Sache ist mir hochnotpeinlich. Schnell rufe ich meinen Hund (=4) zu mir, nehme ihn an die Leine (=9) und mache mich eiligst aus dem Staub (=0). Selbstverständlich ist diese Geschichte nie passiert, aber das hindert mich nicht, sie jedes Mal wie einen kurzen Film vor meinem geistigen Auge ablaufen zu lassen, wenn ich die Ziffernfolge benötige.

Kommentare sind geschlossen.